Der zehnte Mann

„Erzähl mir etwas von dir.“ sie sah ihn nicht an. Sie starrte einfach nur auf das Schreibbrett in seiner Hand und den schwarzen Kugelschreiber. Er ist doch genau wie die anderen… sie konnte nicht einmal mehr darüber lachen. Er sagt meiner Mutter doch genau dasselbe… Also schwieg sie. Er hingegen lächelte. „Du musst nicht mit mir reden, wenn du nicht willst, aber dann könntest du auch direkt wieder gehen, oder nicht?“ Jetzt musste sie lächeln. Er erzählte genau denselben Mist wie die anderen Doktoren vor ihm. Nur anders formuliert. Sie betrachtete ihn etwas genauer. Er war älter. Seine Haare waren schon grau, die Hände etwas knochig und das Bild auf dem Schreibtisch von ihm zeigte eine schon ältere Frau mit einer erwachsenen Tochter. „Ich brauche Ihnen nichts zu erzählen, Sie wissen schon alles über mich.“ Das überraschte ihn. „Wie kommst du darauf?“ sie lächelte breiter, um ihre Wut zu verbergen. „Weil sie die Unterlagen von den anderen schon haben. Und weil unter jedem Blatt dasselbe steht.“ Er lehnte sich auf die rechte Stuhllehne. Genau wie sie, nur spiegelverkehrt. Er ahmte sie nach. In einer Zeitschrift hatte sie gelesen, dass man so etwas machen sollte, um unbewusst Sympathie bei dem Gegenüber zu wecken. Jetzt mochte sie ihn erst recht nicht. „Du meinst die Sachen, die mein Vorgänger geschrieben hat?“ „Haben Sie es gelesen?“ fragte sie zurück. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ja, das habe ich. Stört dich das?“ sie stand auf. „Keineswegs. Das spart mir nur Zeit und Nerven. Sagen Sie meiner Mutter bitte einfach dasselbe wie die anderen. Bei dem achten Arzt glaubt sie es vielleicht endlich und lässt mich damit in Ruhe.“ Sie wollte zur Tür gehen, kam jedoch nicht weit. „Ich bin kein Arzt. Ich bin Therapeut.“ Sie musste etwas lachen. „Ja, schon verstanden.“ „Und ich halte nicht sehr viel von dem, was die anderen sagen.“ Das allerdings überraschte sie etwas. Unschlüssig stand sie weiter vor der Tür. Wollte ich nicht gehen? Wieso soll ich mir den Blödsinn noch Mal anhören?  Der Therapeut blätterte in etwas herum. „Hier ist überall eine leichte Schizophrenie diagnostiziert. Bei welchen Ärzten warst du?“ sie drehte sich nur halb zu ihm. „Weiß ich nicht. Verschiedene… aber ich weiß, dass sie mich zu einer Verhaltensstudie beim Jugendamt und zu einer Frau geschickt hat, die meiner Mutter gesagt hat, ich wäre als Linkshänderin geboren.“ Er lächelte. „Da gebe ich ihr Recht. Du hast mir am Anfang die linke Hand angeboten und wolltest mit links die Tür aufmachen. Aber das interessiert hier ja nicht.“ er legte die Akten wieder weg. „Egal, wer deine Ärzte alle waren, sie hatten Unrecht. Nach dem, was ich von deiner Mutter gehört habe, bist du nur etwas eigenwillig und kannst dich gut in andere Menschen hineinversetzen, wenn du das willst. Aber Schizophrenie ist das mit Sicherheit nicht.“ einen kleinen Moment zögerte sie noch. Dann allerdings kam sie zurück und setzte sich auf ihren Platz, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und sah ihn an. „Sieben von acht Ärzten sagen, ich bin schizophren. Einer sagt, das stimmt nicht. Wem sollte ich Ihrer Meinung nach mein Vertrauen schenken?“ er lächelte wieder. „Naja, der Statistik zufolge, den anderen. Aber deine Mutter hat dich nicht umsonst hier hergeschickt, sie glaubt denen ja auch nicht, sonst würdest du nicht hier sitzen. Aber… kennst du die „Theorie des Zehnten Mannes“?“ sie schüttelte den Kopf. Der Therapeut kratzte sich etwas an seinen grauen Bartstoppeln. „Diese Theorie besagt, dass bei einer Krisensitzung mit zehn Männern immer neun Männer einer Meinung sind. Und der zehnte Mann muss dabei immer auf der Annahme aufbauen, dass die anderen neun sich irren. Somit geht er einer gegenteiligen Theorie nach, um die Krise zu lösen und versucht, Beweise dafür zu sammeln.“ „Und Sie sind der zehnte Mann?“ hakte sie unschlüssig nach. Er nickte. „Richtig. Als ich deine Akten durchgelesen habe, ist mir aufgefallen, dass alle anderen den Angaben der ersten Person gefolgt sind, die dich aufgenommen hat. Demnach haben sie Beweise dafür gesucht, dass du Schizophren bist, und haben, wie ich sehe, auch welche gefunden. Weißt du aber, was das lustige an der „Theorie des Zehnten Mannes“ ist?“ sie schüttelte den Kopf. Der Therapeut lächelte breit. „Bei dieser Theorie hat sich herausgestellt, dass der Zehnte Mann in der Statistik häufiger Recht hat, als alle anderen neun. In der Masse sind die Menschen am dümmsten.“ Er sah sie lange an. Sie musste überlegen, was sie jetzt sagen wollte, starrte dabei aber möglichst feindlich zurück. Wieso sollte ich ihm glauben…? „Ich soll also anhand Ihrer Theorie Ihnen mehr Vertrauen schenken in Ihrer Meinung über mich als den anderen? Wenn meine Mutter hört, dass Sie nicht deren Meinung sind, schleift sie mich doch nur wieder zu anderen Doktoren.“ „Und irgendwann kommt einer, der derselben Meinung ist wie ich. Und dann noch einer. Und irgendwann glaubt niemand mehr, dass du es bist. Dann hat sich der achte Mann durchgesetzt. Was glaubst du denn selber?“ „Ich bin nicht krank!“ „Gut, dann schreibe ich das in meine Beurteilung. Außerdem denke ich nicht, dass deine Mutter weitermachen wird.“ Er stand auf, ging zur Tür und öffnete sie, um sie rauszulassen. Unschlüssig stand sie auf. „Wieso denken Sie das?“ er lächelte wieder. „Ganz einfach. Deine Mutter ist eine der restlichen neun. Sie hat nur auf die anderen acht gehört, weil sie niemanden hatte, der ihr das Gegenteil bewiesen hat. Sie braucht nur einen einzigen zehnten Mann, um selber einer zu werden.“