Alles zu seiner Zeit

Ich möchte nicht sagen: Jetzt ist es soweit!

Für euch ist sie da, die endgeile Zeit!

Zwischen Feiern und Party noch schnell einen trinken

Um Morgens dann müde im Bett zu versinken

Ohne Lehrer und Schule und all diesen Mist

Eben alles was nicht wichtig im Leben ist

Nein, Gott sei Dank ist vieles davon jetzt vorbei

Zwischen Referaten und Vortrag und Allerlei

Ach nee, ich vergaß, das gibt’s jetzt nicht mehr

Überlegen wir doch einmal hin und mal her

Die Gedanken, die vorher keinen Platz im Terminplaner hatten

Denen dürft ihr seit heute zum Ersten gestatten

An die Oberfläche zu treten und weit Luft zu holen

Schließlich hat man ihnen vorher die Zeit weggestohlen

Alles was ihr dachtet und immer noch denkt

Die Zeit um zu denken sei euch jetzt geschenkt

Ganze Tage und Wochen die ihr nur verschwenden könnt!

Und wirklich absolut gar niemandem hier sei das vergönnt!

Nur die Kehrseite davon, die habt ihr nicht bedacht

Bei allem was hier sitzt und sich vielleicht einen lacht

Ihr wisst alle gar nicht, wie schwer ihrs jetzt habt

Und das sag ich nicht nur weil der Neid in mir nagt…

Ihr armen Ruhelosen, was quält euch nur da durch die Nacht?

Es ist die Freizeit, die doch irgendwie schrecklicher war als gedacht

Die jetzt drängelt und mault mit vielerlei Sachen

Und wenn ihr wolltet könntet ihr all das jetzt machen

Von wegen chillen und abhängen mit Freunden oder ohne

„Nein, als ob ich euch mit sowas belohne!“

Lacht hämisch das Schicksal und wies dann meistens auch ist

Lockts euch mit Freizeit und schlägt euch mit List

Obacht ihr Schelme, dass die Zeit euch vergeht

Denn es gibt wirklich keinen, der das Dilemma versteht

Niemand wird euch mehr in Ruhe lassen

Und ich schwöre, ihr werdet sie alle noch hassen

Weil ihr nicht mehr sagen könnt: „Ach geh doch, ich lerne!

Für Mathe und SOWI und den Blick in die Sterne!“

Die lachen euch aus und zwingen euch dann

Zu Sachen, die wirklich niemand abkann

Denn jetzt habt ihr ja Zeit für alles und jeden

Zeit um zu kochen, Zeit um zu reden

Zeit für den Haushalt, den Mutti vorher alleine gemacht

„Ach übrigens, Kind, ich hab mir gedacht

Jetzt, da du so viel Zeit wieder hast

Geh doch deinen Eltern nicht allzu zur Last.“

Oder schlimmer noch, sie schmeißen euch raus

Von wegen: „Abi haste jetzt, mach auch was draus!“

Die meisten gehen freiwillig, ohne Frage

Doch glaubt mir bitte, wenn ich euch sage

Im eigenen Haushalt ist noch weniger Zeit

Denn die Wäsche die wartet und ist schon bereit

Und von irgendwo muss das Geld ja auch her

Die Miete, das Auto, das gewichtet ja sehr

Das Schicksal, das grinst und die Eltern sind froh

Haben sie doch plötzlich mehr Platz auf dem Klo

Und ihr Armen, ihr schlagt euch durch eure Zeit

Dachtet ihr wirklich, ihr seid schon soweit?

Doch es gibt einen Ausweg aus diesem Verdruß

Denn verrat ich euch jetzt und dann ist auch Schluss

Also hört jetzt gut zu und lernt was daraus

Dann kommt ihr vielleicht nachher auch ohne mich aus

Ich kann euch nur raten, legt euch einen Zeitplan zurecht

Damit ihr euch nie wieder den Kopf so zerbrecht

In diesem Plan findet bestimmt vieles Platz

In drei oder fünf oder nur einem Satz

Eine Zeit für das Kochen, aufräumen, putzen

Eine Zeit um anderleuts Haus zu beschmutzen

Zeit für Mutti und die Freunde ist sicher auch drin

Doch Achtung, es macht definitiv keinen Sinn

Wenn ihr nachher da steht und auf euer IPhone guckt

Ihr sucht wild umher, euer rechtes Bein juckt!

Und doch glatt vergessen habt, ihr könnten fast platzen

Darin einzutragen, wann ist Zeit ist sich diese Stelle zu kratzen.

Der zehnte Mann

„Erzähl mir etwas von dir.“ sie sah ihn nicht an. Sie starrte einfach nur auf das Schreibbrett in seiner Hand und den schwarzen Kugelschreiber. Er ist doch genau wie die anderen… sie konnte nicht einmal mehr darüber lachen. Er sagt meiner Mutter doch genau dasselbe… Also schwieg sie. Er hingegen lächelte. „Du musst nicht mit mir reden, wenn du nicht willst, aber dann könntest du auch direkt wieder gehen, oder nicht?“ Jetzt musste sie lächeln. Er erzählte genau denselben Mist wie die anderen Doktoren vor ihm. Nur anders formuliert. Sie betrachtete ihn etwas genauer. Er war älter. Seine Haare waren schon grau, die Hände etwas knochig und das Bild auf dem Schreibtisch von ihm zeigte eine schon ältere Frau mit einer erwachsenen Tochter. „Ich brauche Ihnen nichts zu erzählen, Sie wissen schon alles über mich.“ Das überraschte ihn. „Wie kommst du darauf?“ sie lächelte breiter, um ihre Wut zu verbergen. „Weil sie die Unterlagen von den anderen schon haben. Und weil unter jedem Blatt dasselbe steht.“ Er lehnte sich auf die rechte Stuhllehne. Genau wie sie, nur spiegelverkehrt. Er ahmte sie nach. In einer Zeitschrift hatte sie gelesen, dass man so etwas machen sollte, um unbewusst Sympathie bei dem Gegenüber zu wecken. Jetzt mochte sie ihn erst recht nicht. „Du meinst die Sachen, die mein Vorgänger geschrieben hat?“ „Haben Sie es gelesen?“ fragte sie zurück. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ja, das habe ich. Stört dich das?“ sie stand auf. „Keineswegs. Das spart mir nur Zeit und Nerven. Sagen Sie meiner Mutter bitte einfach dasselbe wie die anderen. Bei dem achten Arzt glaubt sie es vielleicht endlich und lässt mich damit in Ruhe.“ Sie wollte zur Tür gehen, kam jedoch nicht weit. „Ich bin kein Arzt. Ich bin Therapeut.“ Sie musste etwas lachen. „Ja, schon verstanden.“ „Und ich halte nicht sehr viel von dem, was die anderen sagen.“ Das allerdings überraschte sie etwas. Unschlüssig stand sie weiter vor der Tür. Wollte ich nicht gehen? Wieso soll ich mir den Blödsinn noch Mal anhören?  Der Therapeut blätterte in etwas herum. „Hier ist überall eine leichte Schizophrenie diagnostiziert. Bei welchen Ärzten warst du?“ sie drehte sich nur halb zu ihm. „Weiß ich nicht. Verschiedene… aber ich weiß, dass sie mich zu einer Verhaltensstudie beim Jugendamt und zu einer Frau geschickt hat, die meiner Mutter gesagt hat, ich wäre als Linkshänderin geboren.“ Er lächelte. „Da gebe ich ihr Recht. Du hast mir am Anfang die linke Hand angeboten und wolltest mit links die Tür aufmachen. Aber das interessiert hier ja nicht.“ er legte die Akten wieder weg. „Egal, wer deine Ärzte alle waren, sie hatten Unrecht. Nach dem, was ich von deiner Mutter gehört habe, bist du nur etwas eigenwillig und kannst dich gut in andere Menschen hineinversetzen, wenn du das willst. Aber Schizophrenie ist das mit Sicherheit nicht.“ einen kleinen Moment zögerte sie noch. Dann allerdings kam sie zurück und setzte sich auf ihren Platz, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und sah ihn an. „Sieben von acht Ärzten sagen, ich bin schizophren. Einer sagt, das stimmt nicht. Wem sollte ich Ihrer Meinung nach mein Vertrauen schenken?“ er lächelte wieder. „Naja, der Statistik zufolge, den anderen. Aber deine Mutter hat dich nicht umsonst hier hergeschickt, sie glaubt denen ja auch nicht, sonst würdest du nicht hier sitzen. Aber… kennst du die „Theorie des Zehnten Mannes“?“ sie schüttelte den Kopf. Der Therapeut kratzte sich etwas an seinen grauen Bartstoppeln. „Diese Theorie besagt, dass bei einer Krisensitzung mit zehn Männern immer neun Männer einer Meinung sind. Und der zehnte Mann muss dabei immer auf der Annahme aufbauen, dass die anderen neun sich irren. Somit geht er einer gegenteiligen Theorie nach, um die Krise zu lösen und versucht, Beweise dafür zu sammeln.“ „Und Sie sind der zehnte Mann?“ hakte sie unschlüssig nach. Er nickte. „Richtig. Als ich deine Akten durchgelesen habe, ist mir aufgefallen, dass alle anderen den Angaben der ersten Person gefolgt sind, die dich aufgenommen hat. Demnach haben sie Beweise dafür gesucht, dass du Schizophren bist, und haben, wie ich sehe, auch welche gefunden. Weißt du aber, was das lustige an der „Theorie des Zehnten Mannes“ ist?“ sie schüttelte den Kopf. Der Therapeut lächelte breit. „Bei dieser Theorie hat sich herausgestellt, dass der Zehnte Mann in der Statistik häufiger Recht hat, als alle anderen neun. In der Masse sind die Menschen am dümmsten.“ Er sah sie lange an. Sie musste überlegen, was sie jetzt sagen wollte, starrte dabei aber möglichst feindlich zurück. Wieso sollte ich ihm glauben…? „Ich soll also anhand Ihrer Theorie Ihnen mehr Vertrauen schenken in Ihrer Meinung über mich als den anderen? Wenn meine Mutter hört, dass Sie nicht deren Meinung sind, schleift sie mich doch nur wieder zu anderen Doktoren.“ „Und irgendwann kommt einer, der derselben Meinung ist wie ich. Und dann noch einer. Und irgendwann glaubt niemand mehr, dass du es bist. Dann hat sich der achte Mann durchgesetzt. Was glaubst du denn selber?“ „Ich bin nicht krank!“ „Gut, dann schreibe ich das in meine Beurteilung. Außerdem denke ich nicht, dass deine Mutter weitermachen wird.“ Er stand auf, ging zur Tür und öffnete sie, um sie rauszulassen. Unschlüssig stand sie auf. „Wieso denken Sie das?“ er lächelte wieder. „Ganz einfach. Deine Mutter ist eine der restlichen neun. Sie hat nur auf die anderen acht gehört, weil sie niemanden hatte, der ihr das Gegenteil bewiesen hat. Sie braucht nur einen einzigen zehnten Mann, um selber einer zu werden.“